Tag 6 und 7 – Es geht bergauf

Es geht bergauf – doppeldeutig gemeint.
„Über Stock und über Stein, wer kann das wohl sein: Das sind Kea und ihr Packtdrahtesel. Sie jagen im Wand, fahren geschwind, weil sie Freunde sind. Weil sie Freunde sind.“ (Das Wort „Packdrahtesel“ muss sehr schnell gesprochen werden.)
Heute nun habe ich Rostock verlassen (mit einem vorläufigen Personalausweis, juchei). Unter dem Lachen der Sonne habe ich gestern mit drei wunderbaren Menschen am Strand Raucher*innen für Taschenascher begeistert, Alternativen zu Strohhalmen (und zwar die, die wirklich aus Stroh sind. Hoffen wir mal, dass die EU ihre Pläne für Einweggeschirr durchsetzt und bald ganz Europa aus Strohstrohhalmen trinkt.) vorgestellt, die Idee eines festen Coffe-to-go-Bechers und eines Coffee-to-go-Becher- Pfandsystems beworben. Der Müll schaukelte sehr dramatisch im Wind hin und her und gab ein mahnendes Klappern zur Untermalung von sich.
Zum Ausklang gab es dann in der WG, die mich so herzlichst in meinem Notfall adoptiert hatte, eine Küche für alle. Menschen sind angeströmt, haben zusammen gerettetes Essen gespeist und das in einer lauwarmen Sommer Nacht-im Hintergrund Gitarrengeklimper, ein leiser Singsang und das Flackern des Feuers.
Der nächste Morgen: Es geht auf nach Boiensdorf. Laut des Namens könnte man meinen, dass hier de Erdscheibe zuende ist.  Innerlich baute sich die Spannung bei mir auf: „Plumpse ich gleich unter. Ist damit die Tour zuende.“ Straßen, Wälder und dann…
soweit das Auge reicht, wellt sich die Landschaft.  Die Hügel fließen sanft in ihren Goldtönen ineinander über und enden im Anfang des Meeres. Am Wegesrand sprießen die Mohn-und Kornblumen hoch und ein Pony steckt den Kopf über den Zaun. Insgesamt ein sehr malerisches Bild. Naja und dazwischen bin ich. Ich: Hechelnd, die Augen zusammen kneifenden, mich die Berge rauf und runter quälend, Fata Morganas sehend. „Jetzt bin ich oben. Nein, neeeeeein, es geht nochmal bergauf. Wasser. Schatten. Wasser. Schatten. Treten.“ Das waren wohl zusammengefasst meine stupiden, sich wiederholenden Gedanken.  Innerlich bin ich kniend, flehend, bettelnd vor dem Wolkengott/der Wolkengöttin nieder gegangen, aber meine Klage wurde nicht erhört. Da war ich aber ganz schön empört.
Dann am Wegesrand: Elisabeth in ihrem Malerkittel. Am Garagentor wedelt Rupert schon freudigst mit dem Schwanz. Ich bin angekommen und komme runter. Elisabeth und ihr Mann haben sich hier ein vollökologisches Paradies auf Erden geschaffen und ich bin mitten drin. Ein alter Bauernhof wird hier nachhaltig restauriert. Materialien wie Lehm und Holz sind die Basis des Baus. Wasser wird von eigener Kläranlage gefiltert, das Grauwasser wird aufgesammelt. Im wilden Garten des Paradieses wachsen ein paar Radiesschen (Paradiesschen- Wortwitz), Erdbeeren. Es verwuchern Apfelbäume mit Holundersträuchen. Dazwischen steht der alte Bauwagen. Wirklich ein entzückendes Bild- ich bin ganz aus dem Häusschen. Ich würde lieber in diesem Häusschen bleiben. Solch´eine traumhafte Idylle. Aus meinem erhöhten Zimmer mit Terrasse, habe ich einen breiten Blick auf das Meer. Es gibt kaum etwas, das einen so auf den Boden holt, wie die Atmosphäre die mir hier entgegen schlägt. Ich fühle mich gehegt und gepflegt.
Abends sind Elisabeth und ich noch mit Rupert an der Küste entlang gestapft. Unsere Ausbeute: Kindersitze, Zeltstangen, Dosen. Der Zivilisationsmüll wurde hier am Strand zurückzulassen. Der traurigste Fund waren wohl die mehreren Müllsäcke, die in einer Abbruchkante im Sand-Lehmgemisch eingewachsen waren. Ich sage ja: Das Anthropozän ist angebrochen. Plastik ist ein fester Bestandteil der Natur.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s