Tag 28, 29, 30, 31 – Müllmahnmal

Der Asphalt scheint in der Ferne zu schwarzem, flüssigem Öl zu zerfließen. Die Luft steht. Lea und ich schleppen uns am Deich entlang. Immer noch überall Schafe, Kühe und Pferde in allen Formen und Farben. Die sich weit erstreckenden Felder ermüden unseren Blick langsam. Mit letzter Kraft umfahren wir das gesperrte Sperrwerk, das ja eigentlich nicht zum Sperren des Deiches da ist. In diesem Falle leider schon. Nach langem Verfahren kommen wir endlich in Wedel an, wo wir das Bedürfnis danach hatten, uns die Luft zu zu wedeln. Der allerliebste Manfred aus Lübeck stößt zum letzten Stück nach Hamburg dazu. Er sollte später unser größter Held werden.
Denn nun ging es auf zum professionellen Filmdreh mit der Postcodelotterie. (Das sind die, die mich doch sehr netterweise finanzieren) Ein paar Berge fuhr ich mehrfach hoch, kam etwas aus der Puste, dafür sind aber sicherlich wunderprächtig Bilder entstanden. (Ich mein ja nur: Die sind sogar mit dem Auto neben mir her gefahren. So richtig profimäßig.) Dann: Manfred…Er kam, sah und brachte uns Melone (Stellt es euch mit der Stimme einer Fußballkommentatorin vor). Bei der Wärme unsere Rettung. Mein geherztes Lea düste mit dem Zug zurück. Manni und ich machten noch die letzten Meter nach Hamburg. Zwischendurch gab´s ein kleines Getränk. Manfred: „NEEEIN! Bloß keinen Strohhalm.“ Der Kellner schaute doch etwas schockiert, als diese Antwort zurückkam. Aber Manfred kannte meine Pingelichkeit da ja schon und bestellte den Strohhalm ab. Letztens habe ich diesen wunderbaren Satz (Es sind mehrere, also Sätze) gelesen: Wenn die Bedienung sagen würde: „Und wollen wir den Trinkhalm oder wollen wir die Schildkröten retten?“, dann, ja dann hätten wir wohl ein paar Trinkhalme weniger, ein paar Schildkröten mehr und das wäre doch wünschenswert.
Zum Entspannen durfte ich abends dann nochmal all meine Sachen ins 6. Stockwerk tragen und zwar zu Steffen. (Steffen hat mir auch geholfen) Ich fühle mich hier mal wieder pudelwohl. In dieser WG lebt ein Hund (kein Pudel), den ich doch gerne adoptieren würde.
Steffen stellte mir die sehr gute Frage, inwiefern sich Ökozigarettenfilter von normalen Filtern unterscheiden.  Um meinen Kopf schwebten ein paar große Fragezeichen. Nach der Recherche kann ich nun sagen: Der Unterschied liegt z.B. im Kleber und zwar Triacetin vs. natürliche Stärke. Beim Grundmaterial steht Celluloseacetat gegenüber von Flachs, Hanf und Baumwolle. Manche Ökofilterhesteller sprechen von einem Monat Abbauzeit, allerdings machen nicht alle Angaben dazu und die Vorteile des Ökofiters können schwanken. So viel dazu. Die Tatsache, dass es weltweit jährlich 4,5 Trilliarden Zigaretten auf dem Boden, hat sogar mich selber nochmal aus dem Konzept gebracht. Trilliarden.
Der nächste Morgen begann mit mir vor der Kamera. Wir dürfen alle sehr gespannt sein auf das Postcodelotterie-Video mit mir in der Hauptrolle, haha. Ich bin ein Naturtalent (Weil ich ein Öko bin) vor der Linse.
Mit so einigen Menschen, unter anderem auch Familiensupport, haben wir uns dann ran gemacht den vollen Elbstrand zu reinige. Voll im Sinne von „voll mit Menschen“ als auch „voll mit Müll“. Das geht miteinander einher. Unendlich viel Einweggeschirr, ganze Grille, die Spielzeugpistole und Glasflaschen. All der Partymüll und Strandbesucher*innen Müll. Die Eigenverantwortung für den Müll wird nicht gesehen. Was mitgebracht wird, wird nicht mit zurückgenommen. Die Verantwortung wird abgeschoben. Sicherlich spielt auch mit rein, dass es für die Menge an Müll am Ende doch zu wenige Mülltonnen sind.
Mit all dem was sich so finden ließ, behängten wir am nächsten Morgen einen großen Findling, den alten Schweden am Elbstrand. Ermahnend stand er da nun und alter Schwede, sah das krass aus. Dahinter steckte auch einige Planungskunst, das riesige 80 Quadratmeter große Netz über den Findling zu bekommen. So einige Blicke konnte unser Schwede auch auf sich ziehen, denn so einen hässlichen Schweden haben sie nämlich noch nicht gesehen: Voll mit dem Müll unserer Gesellschaft. Mit all diesen Inszenierungen ging es dann auch gleich weiter. Zack, 5 Minuten später lag ich am Strand, in Müll verheddert, gefangen und räkelte mich als krepierendes Lebewesen.  Da konnte ich dann nochmals mein Naturtalent unter Beweis stellen. Ich habe mir wirklich sehr viel Mühe mit dem Räkeln gegeben. Für die Dramatik, haben wir mich etwas mit Kohle beschmiert. So bin ich dann auch wieder durch halb Hamburg gefahren. Was mich an eine Situation mit Lea erinnert. Lea und ich in Tönning am Fluss. Lea entdeckt Flussmatschepampe und schmiert sie sich erstmal quer durchs Gesicht. Ihr Kommentar: „Eine Naturmaske.“ Mein Kommentar: „Oh ja, ohne Mikroplastik!“ Ihr Kommentar: „Oh, vermutlich doch mit Mikroplastik.“ Womit Lea wohl leider Recht hatte.
So schnell war meine Hamburg auch fast schon vorbei. Eine Stadt mich solch einer wunderbaren Atmosphäre. Jede Fahrradfahrt durch die Straßenzüge habe ich vollstens genossen. Naja, bis auf Eine. Mein Gepäckträger hat heute Morgen nachgegeben, zwei Schräubchen sind rausgesprungen und all mein Gepäck hing mit der Felge auf dem Reifen. Bis zum nächsten Fahrradladen war das eine ganz schöne Schleifarbeit. Allzu schwer war die Reparatur nicht und ich konnte sie eigens bewältigen. Meine rasende Reporterin war mit am Start und hat mir all meine negative Energie wieder genommen. Davon hatte ich dem Moment sehr viel, denn ich stand unter Zeitstress. Uta und Heiner wollten mich auf dem Wege nach Stade begleiten. Der heutige Tag sollte sich dann noch zu einem Drama entwickeln. Die Steigerung des Ganzen war der Verlust meines einen Schuhs. Er plumpste hinten von meinem Zelt herunter. Mein heißgeliebter Doc Martens. Nachdem ich 7 Kilometer unfündig zurückfuhr, musste ich mich innerlich kurz von meinem Herzensstück verabschieden. Ich werde dich finden, Doc Martens! Weshalb ich überhaupt realisierte, dass der Schuh weg war? Ja, haha. Auch schöne Geschichte. Der Müllsack, mit dem gesammelten Müll, ebenfalls hinten raufgeschnallt baumelte in meine Speichen und eine Glasflasche zerbarst. Sehr metaphorisch für mein gebrochenes Herz wegen der Trennung von meinem Schuh. Es darf sich ausgemalt werden, wie meine Laune in jener Sekunde war. Der Tiefpunkt. Dachte ich jedenfalls. Aber die Katastophé kam noch: Die Elbüberquerung. Eigentlich ein Kinderspiel. Aber der Automat nimmt meine Karte nicht und ich habe kein Bargeld. Der Automat meint, auf meinem Konto wäre kein Geld. Ich kriege Panik und radel bis zur nächsten Volksbank (die natürlich nicht gleich um die Ecke war, sondern immer noch 3 km entfernt.) Glücklicherweise hatte der Automat gelogen. Mein Kontostand ist doch sehr erfreuenswert, was mich kurz freute, aber insgesamt meine Laune nicht hob. Ich war einfach ausgelaugt, bin es noch immer. Die letzte Woche war im Gesamtpaket sehr fordernd.
Den Rest bestreitete ich dann wie geplant mit Uta und Heiner. Mein Knie fing dabei an leicht zu streiken. Ich hoffe, es ist nur temporär. Da bin ich mal optimistisch. Letztendlich bin ich also mit dem inneren Mantra „Stade ist nur was für die starke Wade“ angekommen. Nun bin ich hier in der Jugendherberge untergebracht und zwischen mehreren Klassenfahrten gelandet. Die Wände sind sehr hellhörig: Ich durfte eben noch dem Konzert eines sehr talentierten 10. Klässers zuhören: Lautes auf den Tisch getrommle. Später fing er noch an „…shock to the heart, na na na naaa nana“ aus sich heraus zu brüllen. Ich hab nun einen Ohrwurm, von einem Lied, dessen Titel ich nicht kenne und werde damit zu Bette gehen. Morgen früh werde ich mit ganz vielen Menschen in ihre Rossmann-Einkaufstütchen schnuppern und sicherlich so einiges an Mikroplastik finden und hoffentlich dann auch für immer aus der Tüte verbannen.

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